Wenn Kinder eingeschult werden, beginnt für sie ein völlig neuer Lebensabschnitt – voller Möglichkeiten, Neugier, aber auch Unsicherheiten. Sie betreten eine Welt, in der plötzlich feste Strukturen, soziale Vergleiche und Leistungsanforderungen den Alltag prägen. Während manche Kinder scheinbar problemlos in diesen neuen Rahmen finden, fällt es anderen deutlich schwerer, sich anzupassen. Sie kämpfen mit Konzentrationsproblemen, sprachlichen Schwierigkeiten oder mangelnder Motivation.
Lehrerinnen und Lehrer beobachten immer wieder, dass besonders Jungen dabei auffallen – sie gelten als „zappelig“, „unreif“ oder „unaufmerksam“. In den ersten Schuljahren sind es oft die Jungen, die häufiger ermahnt, bewertet oder auffällig genannt werden. Doch warum ist das so?
Die bekannte Lernforscherin Vera F. Birkenbihl hat sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt. In ihrem Vortrag « Warum Jungs es schwerer haben als Mädchen » erklärt sie mit viel Humor, aber auch wissenschaftlichem Hintergrundwissen, warum unser Schulsystem vielen Jungen das Leben schwer macht – und was wir dagegen tun können.
Birkenbihl betont, dass Jungen und Mädchen sich unterschiedlich schnell entwickeln, besonders in den ersten Lebensjahren. Mädchen sind in der Sprachentwicklung meist 6–12 Monate voraus und zeigen oft auch bei Feinmotorik und Konzentration beim Schuleintritt einen Vorsprung. Jungen entwickeln sich dagegen oft sprunghafter und verspätet – sie sind nicht „schlechter“, sondern einfach anders getaktet.
« Die Gehirnentwicklung bei Jungen ist langsamer, besonders in Bereichen wie Sprache und Feinmotorik » – Vera F. Birkenbihl
Birkenbihl weist darauf hin, dass das heutige Schulsystem oft auf die frühreifen Mädchen zugeschnitten ist:
Ein entscheidender Faktor ist das unterschiedliche Gehirnwachstum bei Mädchen und Jungen, beeinflusst durch Geschlechtshormone:
Das männliche Hormon Testosteron wirkt sich anders auf das Gehirnwachstum aus:
« Jungs müssen Dinge bewegen, um Dinge zu begreifen » – Vera F. Birkenbihl
Ein weiteres strukturelles Problem ist der geringe Anteil männlicher Pädagogen in Kindergärten und Grundschulen. Jungen fehlen somit männliche Vorbilder, was sich negativ auf ihr Sozialverhalten und ihre Entwicklung auswirkt.
« Mehr Männer in pädagogischen Berufen und ein besseres Verständnis für typische Jungenverhaltensweisen » – Vera F. Birkenbihl
Im schulischen Alltag zeigen sich deutliche Unterschiede in der Art und Weise, wie das emotionale Verhalten von Mädchen und Jungen wahrgenommen und behandelt wird. Mädchen gelten häufig als sensibel, hilfsbereit oder gewissenhaft – Eigenschaften, die in traditionellen Unterrichtsformen geschätzt und emotional positiv gespiegelt werden. Wenn ein Mädchen weint, traurig ist oder Überforderung zeigt, reagieren Lehrkräfte oft mit Trost, Geduld und Unterstützung. Ihre Emotionen werden nicht nur akzeptiert, sondern aktiv begleitet – was zu einem stärkenden Selbstbild beitragen kann.
Ganz anders erleben es viele Jungen: Wenn sie frustriert sind, sich zurückziehen oder wütend werden, stoßen sie schneller auf Unverständnis. Emotionale Reaktionen werden bei ihnen oft als „Störung“, „Widerstand“ oder „Unreife“ interpretiert. Anstelle von Empathie erhalten sie Sätze wie: „Reiß dich zusammen!“ oder „So benimmt man sich nicht.“. Dadurch entsteht früh die Botschaft, dass Gefühle nicht gezeigt werden dürfen – zumindest nicht die „falschen“. Viele Jungen lernen, ihre Emotionen zu verbergen oder sie in auffälliges Verhalten umzuleiten. Die Folge: Sie werden schneller sanktioniert und seltener emotional gestärkt, obwohl ihr Bedürfnis nach Unterstützung genauso groß ist.
Diese emotionale Schieflage bleibt im Schulsystem oft unreflektiert – dabei ist sie ein zentraler Faktor für schulische Motivation, Selbstwert und soziales Lernen. Mehr Bewusstsein und Sensibilität für unterschiedliche Ausdrucksformen von Emotionen wären ein wichtiger Schritt in Richtung echter Chancengleichheit.
Eine Studie der Universität Exeter in England belegt genau diesen Unterschied in der emotionalen Behandlung von Mädchen und Jungen im Schulkontext. Die Forschenden Lauren Stentiford, George Koutsouris, Tricia Nash und Alexandra Allan haben Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte in zwei weiterführenden Schulen im Jahr 2022 befragt. Das Ergebnis ist eindeutig:
« Es herrschte die Wahrnehmung, dass Mädchen gegenüber Jungen einen Vorteil beim Zugang zu psychischer Unterstützung haben. Mädchen galten als emotional reifer und suchten aktiv Hilfe, wenn sie sie brauchten » — Studie der University of Exeter, 2024
Wenn Jungen nicht dem Tempo des Schulsystems entsprechen, hören sie häufig: „Du musst dich mehr anstrengen!“ oder „Warum bist du so unruhig?“ oder „Deine Schwester kann das doch auch!“
Dies führt zu:
« Jungen entwickeln oft früh die Überzeugung, dass sie dümmer oder schlechter sind, obwohl sie nur anders lernen » – Vera F. Birkenbihl
Später einschulen
Jungen sollten erst mit 7 oder 8 Jahren eingeschult werden, wenn ihre neurologische Reife es erlaubt.
Bewegung in den Schulalltag integrieren
Rollenspiele, Experimente, Naturbeobachtungen und wechselnde Sitz- und Bewegungsphasen fördern das Lernen.
Fehler als Lernchancen begreifen
Besonders Jungen profitieren davon, wenn Fehler nicht sofort bewertet, sondern als Teil des Lernprozesses gesehen werden.
Ermutigung statt Kritik
Positive Verstärkung („Du schaffst das!“) motiviert mehr als ständige Kritik.
Diversität im Lehrpersonal erhöhenJungen brauchen männliche Rollenmodelle – in Schule, Betreuung und Zuhause.
Vera F. Birkenbihl zeigt auf, dass Jungen nicht weniger intelligent oder faul sind, sondern dass unser Schulsystem viele Jungen zu früh und zu einseitig fordert. Neuere Studien aus Kanada und Europa bestätigen diese Erkenntnisse und belegen, wie wichtig Bewegung und bewegtes Lernen für den schulischen Erfolg von Jungen sind.
Ein pädagogischer Wandel, der Entwicklungsunterschiede anerkennt und Bewegung stärker einbindet, kann vielen Jungen helfen, ihr Potenzial voll zu entfalten.
« Körperliche Aktivität ist nicht nur gut für die Gesundheit von Jungen, sondern fördert auch ihr Engagement und ihre schulischen Leistungen » PHE Canada Thinkers Report unter Leitung von Dr. Michael Kehler Kehler, 2024
Eine Studie aus Kanada zeigte, dass bei Schulanfängern die motorischen Fähigkeiten – besonders bei Jungen – eng mit der schulischen Leistung zusammenhängen (Rush et al., 2023). Das heißt: Jungen lernen besser, wenn sie ihre motorischen Fähigkeiten einsetzen können.
Eine Meta-Analyse aus dem European Journal of Developmental Psychology (2022) fasst zusammen:
« Bewegtes Lernen verbessert bei Kindern, insbesondere bei Jungen, die exekutiven Funktionen wie Impulskontrolle und Arbeitsgedächtnis sowie das Sozialverhalten »